Die Hard Alpi Tour in Norditalien ist eine Motorradausfahrt durch die Berge über Stock und Stein. Wenn man sie rechtzeitig zu Ende fährt, bekommt man ein Zertifikat. Eine Rangliste gibt es nicht, das Abenteuer steht, laut Veranstalter, im Vordergrund. Die Italiener nennen es «giro».
Diese Hard Alpi Tour von San Remo nach Sestriere fand letztes Wochenende statt und ich war mit Marius und ein paar Freunden aus Deutschland dabei. Ich startete für mein Ego, denn genau vor zehn Jahren ging ich mit Marius zusammen und einem weiteren Kollegen an den Start. Wir fuhren die Classic und ich war so langsam, dass ich nach 8 Stunden abbrechen musste. Damit es dieses Jahr auch klappt, wählten wir nicht wie damals die Classic Kategorie, sondern die Discovery. 200 km weniger, 30% weniger Offroad und ohne Nachtfahrtn. Das heisst wir mussten 400 km fahren, mit 30% Offroad und 70% Strasse und durften in der Nacht schlafen. Neben der Discovery und Classic gibt es noch die Challenge und Extreme Kategorie. Bei der Challenge fährt man wie bei der Classic um die 600 km, die Fahrtechnik und auch die Navigation sind jedoch anspruchsvoller. Die Extreme ist heavy, man startet schon am Freitagabend, also zwei Nächte draussen, fährt 1000 km und hat noch anspruchsvollere Sektionen. Genau das für die Alleskönner, wenn man nach Hause kommt und davon erzählt.
Soviel zu den Eckdaten, nun zum Abenteuer. Marius und ich starteten am Donnerstagabend mit dem Auto und Anhänger. Darauf standen zwei von Moto Morini Schweiz ausgeliehene Motorräder, eine XCAPE 700 und eine Alltrhike 450(Testbericht folgt separat). So fuhren wir über Genf nach Sestriere. Da war das Ziel der Tour und da konnten wir das Auto und den Anhänger stehen lassen. Die Fahrt fühlte sich elend lange an, denn wir durften nur «80» fahren, mit der kostbaren Fracht. In Sestriere angekommen, bezogen wir das Hotel und gingen in die erstbeste Pizzeria. Endlich Italien, wir fühlten uns Zuhause!
Am nächsten Tag fuhren wir auf direktem Weg, der Autobahn, nach San Remo, zum Startplatz. Unterwegs sahen wir, dass unsere Freunde aus Deutschland versuchten, sich auf der Autobahn zu treffen. Ich dachte mir, das funktioniert am Schluss von alleine. Wir fuhren noch nicht lange am Meer in Richtung San Remo entlang, als auf einer Raststätte eine alte Morini und eine schöne alte BMW GS auftauchten. Friedrich und Denise. Friedrich kenne ich aus Social Media, ich durfte mit ihm schon ein Interview zu seinen Ferien führen und er organisierte mir Teile für die FZR. Denise macht das, was ich mache, mit ein wenig mehr Follower, 40 000 mehr. So fuhren wir in der Benzinwolke mit Ölaroma von Denise und Friedrich weiter. Bald waren wir froh um mein neues DMD Navi, denn die Handys waren nicht gerade eine Hilfe. So kamen wir mit wenigen Umwegen in den Startbereich von San Remo, direkt am Meer. Und wie ich mir gedacht hatte, kamen hier von alleine die letzten beiden vom Team auf uns zu, Lucas, mit c, und Fredi.
Wir schrieben uns ein und holten die GPS Tracker für den Notfall (Eine Randnotiz für alle Mami’s und daheim gebliebenen Freundinnen). Nach ein wenig Blabla fuhren wir zu unserer Unterkunft. Eine Villa am Hang hinter San Remo. Wunderschön, nur gab es weit und breit kein offenes Restaurant, um ein wohlverdientes Feierabendbier zu geniessen. Denn der Autobahntag war nicht nur ein Genuss. Nachdem wir das Haus bezogen hatten, ging es noch 2 Stunden, bis das einzige Restaurant in der Umgebung öffnete. Marius wurde nervös. Plötzlich lief er davon. Ich hinten nach. Er ginge jetzt in das geschlossene Restaurant und schaue, was zu machen sei, meinte er. Im Restaurant angekommen, erklärte er dem italienisch sprechenden Personal: «We sleep there and we have no Beer». Nach dieser charmanten Erklärung, durften wir schon früher ins Lokal sitzen und unser Feierabendbier geniessen. Der Abend war gerettet.
Am nächsten Morgen ging es kurz vor zehn Uhr nach unten, zum Start. Heute war Rennstart. Ich war nervös, aber auch etwas emotional. Ich habe es geschafft, die ganze Organisation und Ungewissheit, ob das alles klappt, hat sich gelohnt, jetzt kann es nach zehn Jahren endlich losgehen. Noch am Start traf Marius die ersten Schweizer, die in derselben Klasse starteten und nicht weit von uns zu Hause sind. Wir werden sie immer wieder treffen. Genau das ist das Schöne, viele Motorradfahrer mit demselben Ziel, in zwei Tagen in Sestriere anzukommen, ohne Konkurrenzkampf.
Dann ging es los, ich fuhr voraus, da ich das viel belächelte und einzige richtige Navi hatte. Die ersten nervten sich schon beim ersten Kreisel, ich erwischte die falsche Ausfahrt. Also fuhren wir noch mal eine Runde durch die Stadt. Dann ging es den Berg hoch, eine lange Passage über den Asphalt, bis wir in die erste Endurosektion kamen. Meine Nervosität stieg, werde ich es schaffen? Diese Sektion war nicht so lange und ich schaffte sie, wenn auch für gewisse zu langsam, aber ich kam durch. So fuhren wir den ganzen Morgen teilweise auf der Strasse, teilweise auf Schottersträsschen. Das Navigieren ging nun super und der morgige Ausflug in die Stadt sollte der letzte sein.
Kurz nach dem Mittag fuhren wir in ein kleines verwinkeltes Dorf. Auf dem Dorfplatz standen plötzlich viele Motorräder und es spielte eine Musikkapelle. Wir waren beim Mittagsrast angekommen. Es gab eine grosse Portion Nudeln und zu trinken. Die ersten drei Stunden waren hinter uns und die Pause tat ganz gut. Während der Mittagspause wurde der kommende technische Teil mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 km/h besprochen. Es war unklar, ob wir diesen alle schaffen würden. Ich entschied mich, die Ausweichroute über die Strasse zu nehmen. Dies war immer wieder möglich.
Nach der Mittagspause ging es los und prompt verpasste ich den Abzweiger zur Ausweichroute und so standen wir gemeinsam vor der technischen Sektion. Ja gut, dann probieren wir es. Ich, Marius, Fredi und Lukas fuhren los. Friedrich und Denise liessen uns etwas Vorsprung, da sie schneller fuhren. Der technische Teil kam und ich blieb auf dem Motorrad, es wurde technischer und ich legte mich noch immer nicht hin. So kamen wir immer weiter nach oben und trafen uns alle wieder bei einem Rastplatz. Weiter ging es mit Lukas und Marius. Sie fuhren voraus, wenn eine Verzweigung kam, warteten sie. Alle fuhren ihr Tempo und dank dem viel belächelten DMD Navi verfuhren wir uns auch nicht. Zu dritt geht es am besten, diese Erfahrung machten wir vor zehn Jahren und auch jetzt wieder, leider ging diese Info in den Vorbereitungen etwas unter.
Wieder auf der Strasse angekommen, suchten wir die nächste Tankstelle auf und machten einen kurzen Rast. Das Übernachtungsziel Boves lag nicht mehr weit entfernt. Nun folgt ein Durcheinander, auf das ich hier nicht eingehen werde. Ergebnis, drei kamen mit einem Grinsen in Boves an und drei mit einem Muff, der je nachdem länger oder weniger lange anhielt.
In Boves war das offizielle Tagesziel. Und wer sitzt am selben Abendessentisch wie wir? Die drei Schweizer vom Start. Ich kann ja nicht fliessend Italienisch, aber etwas besser wie Marius. Ich erklärte ihm, dass wenn man hier ein zwei Wörter mehr wie «Buongiorno» oder «grazie» kann, dann haben die Italiener eine «Sau Freude». Also erklärte ich ihm, er soll bei der nächsten Bierbestellung «a dopo» sagen, das heisst «bis später». Als er nach der zweiten Runde zurückkam, war er total begeistert: «Dieses a dopo ist super, die geben mir jetzt schon Rabatt!». Als Abschluss spazierten wir noch durch die unzähligen Motorräder, die meisten hatten zu dieser Zeit noch ein paar Kilometer vor sich.
Die Veranstalter sprachen von einer Halle, in der man übernachten kann. Es war ein überdeckter Marktplatz und wir durften zwischen den Motorrädern schlafen. Das wäre ja noch gegangen, aber wir von der Discovery Klasse waren die einzigen, die nicht in der Nacht fahren mussten. So kamen und gingen die Motorräder die ganze Nacht über.
Am Morgen liess die Stimmung noch immer etwas zu wünschen übrig, auch meine, in einem Studium lang erlernten sozialpädagogischen Fähigkeiten, halfen nicht weiter. So ging es wieder mit mir an der Front weiter. Es begann mit viel Strasse, aber war auch ganz angenehm so am frühen Morgen. Doch schon bald kam die erste Endurosektion und ein darauf folgender Kaffeehalt, alles vom Veranstalter organisiert. Bei Kaffee und Kuchen wurden wieder Sprüche geklopft, Gott sei Dank!
Danach ging es wieder in zwei Gruppen weiter. Und so blieb es auch. Wir trafen uns immer wieder und kamen gut voran. Bis ich im Sand meinen ersten und letzten Sturz hatte. Ich war zu langsam. Schon vor dieser Sektion entschied ich mich dafür, dass das die letzte ist und wir den Rest auf der Ausweichroute fahren werden. So kamen wir wieder runter und der schwierige Teil der Hard Alpi Tour war für mich erledigt. Erste Erleichterung. Marius schloss sich mir an und wir fuhren zusammen die letzten Kilometer auf Asphalt ins Ziel nach Sestriere.
Lego mio, war das schön, als wir im Ziel angekommen waren. Mir kullerten die Tränen. Ja, wir haben nur die Discovery gefahren, ja, wir haben nicht komplett alle Endurosektionen gefahren. Ich bin aber an meine persönlichen Grenzen gekommen, musste viel Neues lernen und musste immer wieder über meinen Schatten springen, nicht nur während der Hard Alpi, auch in den Vorbereitungen. Ich hatte ein Ziel und das habe ich nun erreicht, darauf bin ich stolz!
Und mit diesem Gefühl setzten wir uns in die erstbeste Bar, liessen uns ein grosses Bier bringen und genossen mit einem breiten Grinsen den Moment. Die roten Köpfe gab es gratis dazu.
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